Durch den Feed


„She did it again. Your favorite trad wife named her 4th Baby „Fawnie Golden Smith.“ Es ist sechs Uhr morgens, mein Wecker hat eben geklingelt und mein Tag beginnt; Fawnie Golden Smiths Geburt ist die erste Meldung auf Instagram, die ich mir heute in den Kopf prügele.
Ich schicke den Post per Share-Button an eine Freundin, die das bestimmt witzig fände. “Haha” schreibe ich dazu, ohne eine Miene zu verziehen. Erst danach schau ich auf die Caption. Ihre anderen Kinder heißen Slim Easy, Rumble Honey und Whimsey Lou, lerne ich. Ich muss doch noch grinsen, aber schon geht es weiter durch den Feed.

„Sag mal hast du auch das Gefühl, dass es feministisch so unentspannt ist heutzutage?“, fragt eine fitte, nicht-binäre Person und schaut mir direkt in die Augen; sie steht in einem cleanen Fitnessstudio und stemmt Kurzhanteln. Ein Werbeclip fürs Missy Magazin, mein feministisches Lieblingsmagazin. Ich scrolle weiter, ich habe schon ein Abo. Als nächstes ein Beitrag einer sozialistischen Meme-Seite: „Waterboarding at Guantanamo Bay sounds super rad, if you dont know what any of those things are.“ Dahinter ein Surfer-Ambiente. Haha, denke ich wieder und like. Weiter geht’s, eine Veranstaltungsankündigung: „Día de los muertos“ im Cafe Kralle im Wedding. Schnell weiter, mein Vater ist letztes Jahr verstorben und wenn ich darüber nachdenke, kriege ich eine Panikattacke.

Erstmal muss es weitergehen, immer durch den Feed. „All Eyes on Sudan.“ Hier bleibe ich hängen. Ein Info-Post über den Genozid im Sudan. Es geht um den Einsatz von sexualisierter Gewalt durch die Rapid Support Forces und die Beteiligung der Vereinigten Arabischen Emirate im Kampf um Land und Ressourcen. Ich lese alles durch, wir müssen mehr machen, denke ich und scrolle weiter.
Dann ein Sharepic, schwarze Schrift auf weißem Hintergrund: „No girl, you’re good, it‘s just your traumatising backstory that you told like a stand up comedy rountine that surprised me a bit lol x“. Eine meiner Freundinnen hat das geliket. Ich like es auch. Ein Automatismus. Sieht sicher keiner.

Weiter geht’s, immer weiter. Kate Moss hängt kopfüber aus einem Fenster, Pete Doherty und ein anderer Typ, den ich nicht kenne, stehen daneben und spielen auf ihren Gitarren. Irgendeine iconic Vintage Foto Seite. Ich denke kurz darüber nach, wer sich die Mühe macht diese Seiten zu erstellen, so ganz ohne Ziel und Zweck. Gleich danach der neue Post von ChaPpell Roan, sie trägt eine Krone - „Pink Pony Princess“ steht drunter und eine Tourankündigung.

Weiter, weiter; ein Spiegelselfie eines Priesters in vollem Gewand, der Spiegel ist aus Eiche oder so, er hätte in der alten Wohnung meiner Großmutter stehen können, er zeigt seinen nackten Fuß mit einer elektronischen Fußfessel. Auf Höhe seiner Knie steht da in weißer Schrift „It turns out god isn’t the only one who can judge me“. Drüber gelegt ist der Track Good Drank von 2 Chainz: „ useD to treat my mattress like an ATM.“

Dann ein längerer Share Pic Post von einer Linken-Politikerin über die Bürgergeldreform. Gleich darauf ein Info-Video von einer Orga, die Solidaritäts-Demos für Gaza organisiert hat: Es ist ein Video über Kriegsverbrechen der israelischen Armee, Bomben fallen, Kinder rennen durch Ruinen, ein israelischer Soldat hält einem palästinensichen Gefangenen ein Gewehr an den Kopf, er ist jung, kaum in der Pubertät. Weiter, weiter, the only way out is through.

Eine leere Kuchenauslage, darüber ein Schild „No More Creampies. Sorry ☹“ Ein Video-Beitrag von rbb24 „Schlafstörungen bei Gen Z stark gestiegen“. Ich tippe drauf, ein alter Mann beginnt irgendwas zu erzählen, ich kann mich schon nicht mehr konzentrieren und scrolle weiter. Eine schwarze Katze von vorne mit großen Augen, hinten sieht man zwei Beine in schwarzer Strumpfhose und sexy High Heels.

Eine Filmzitat: „Real intimacy is sharing your Instagram Feed.“ Ich weiß nicht, welcher Film, ich habe schon weitergescrollt. Plötzlich – was ist das? Eine Frau in einem langen Kleid mit buntem Blumenprint und Rüschen, die Haare in einer mittelalterlichen Bäuerinnen-Frisur hochgesteckt schneidet mit einem überdimensionalen Messer ein großes Brot in Scheiben. Dazu läuft dieser Song von Patience & Prudence „tonight you belong to me“ und in der Caption steht „french toast for my crush“ mit einem Pfeil durchs Herz. Ist das schon faschistische Ästhetik oder fällt das alles unter weibliche Selbstbestimmung? Ich bin selbst schuld, denke ich, ich habe die Nachricht über Baby Fawnie Golden Smith geteilt. Jetzt bin ich mittendrin im Tradwife- Algorithmus.

Es muss weitergehen. Ein Post von abc news: „Inflation climbs to highest level since January.“ Ein Beitrag der Tagesschau: „Droht ein Krieg mit Russland?“ Ich scrolle, scrolle. Ein süßes Katzenvideo. Wieder Palästina. Sudan. Bürgergeld. Feminismus. Klimawandel – caption: „We are so fucked“. Eine Werbeanzeige für Korean Scin Care. Ein kleiner Schwarzer Junge vor einem Polizeiauto, Westcoast-Handgeste und ein viel zu großer Hoodie. „Not perfect, but always real.“ steht darunter. Ich teile den Beitrag in meiner Story. Guten Morgen, Follower.

Ping. Eine Kollegin schreibt mir auf WhatsApp: „Hey, ich hole mir auf dem Weg noch einen Kaffee, soll ich dir einen mitbringen?“ Ich schaue auf die Uhr. Es ist 8:30 Uhr, wenn ich pünktlich zur Arbeit will, muss ich jetzt los. Ich springe auf, renne ins Bad, wasche mein Gesicht. Nervös schaue ich in den Spiegel, habe ich wirklich solche Augenringe? Mein Herz klopft schnell, meine Gedanken sind laut, meine Augen brennen vom Starren auf den Bildschirm.

Während ich meine Zähne putze, öffne ich noch mal Instagram. Auf dem Bildschirm erscheint eine wunderschöne Influencerin mit einer Anleitung für die perfekte Scin Care Routine. Ich fühle mich schlecht und überlege, ob Fawnie Golden Smiths Mutter das wohl besser hinbekommt mit der Skin Care Routine und ob sie auch gestresst ist von all dem Content, den sie produzieren muss oder ob sie den ganzen Tag nur daran denkt, wie dankbar sie ist, dass ihr Mann das Geld verdient und sie sich um Fawnie Golden Smith kümmern kann. Und um Slim Easy, Rumble Honey und Whimsey Lou. Bestimmt nicht einfach. Ich setze Kopfhörer auf und mache einen Podcast an. Hauptsache nicht die eigenen Gedanken.